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Amphitryon im Maxim Gorki und das Theater an sich

19. Januar 2009 · BrutusD

 Hermes und SosiasAm Montag sah ich im Maxim Groki Theater Kleists “Amphitryon” und während ich mich köstlich amüsierte, sind mir sogar die Vorteile des Theaters an sich bewusst geworden. Was es vom Kino unterscheidet. Das Publikum und die Schauspieler befinden sich in einem Raum. (Tjahaaa!!) Eigentlich scheint das ziemlich banal und wahrscheinlich nimmt der Effekt mit zunehmender Größe des Publikums ab, aber diese gegenseitige Anwesenheit intensiviert die gemeinsame Erfahrung. Die Handlung nur  ein paar Meter von dir weg auf der Bühne anstatt abstrahiert auf der Leinwand verfolgen zu können kann ein echter Gewinn sein. Was du anguckst sind echte Menschen, echte Gesichter, nicht nur deren Abbilder. Natürlich ist Theater oft abstrahierter als Kino. Man geht in ein Theaterstück ja gerade zu mit der festen Hoffnung hoffentlich gut etwas vorgemacht zu bekommen. Schon allein durch das Vorhandensein der Bühne ist klar, dass hier nicht die “echte Welt” gezeigt wird. Ein Film gibt sich da mehr Mühe, alles so aussehen zu lassen wie das echte Leben nur geschickt in Szene gesezt. 

Kleists Amphitryon ist im Grunde ein “typische” Verwechslungskomödie. Hier kurz die Handlung aus der Wikipedia:

Alkmene erwartet die Rückkehr ihres Gatten König Amphitryon aus dem Krieg gegen die Athener. Statt seiner erscheint ihr jedoch Jupiter in der Gestalt ihres Gatten, und die beiden verbringen zusammen eine Liebesnacht. Als am nächsten Morgen der echte Amphitryon nach Theben zurückkehrt und Alkmene ihm von der vermeintlich gemeinsam durchlebten Nacht erzählt, fühlt dieser sich von seiner Frau betrogen. Jupiter erscheint Alkmene erneut in der Gestalt ihres Gatten und erklärt ihr, dass der Donnergott selbst sie besucht habe. Als sich am Ende die beiden Amphitryon-Gestalten gegenüberstehen, halten sowohl die Feldherren als auch Alkmene den Jupiter-Amphitryon für den wahren. Jupiter klärt das Missverständnis auf und gewährt Amphitryons Wunsch nach einem Sohn. Spiegelbildlich dazu gibt es eine komische Ebene, auf der Merkur die Gestalt des Sosias annimmt, es im Gegensatz zu Jupiter aber unterlässt, dessen Gattin Charis zu verführen.

Bei Sosias und Merkur ist dies besonders komisch und tragisch. Direkt am Anfang trifft Sosias auf seinen Doppelgänger, der ihn schließlich so lange prügelt bis er selbst zugibt nicht der echte Sosias seien zu können. In der Gorki Inszenierung ging man noch einen Schritt weiter. Der Sosias-Darsteller selber sah scheinbar ein, nicht der echte Sosias-Darsteller seien zu können. Schließlich ist da jemand im selben Kostüm, der teilweise sogar den selben Text spricht. Er zieht sich also die Perrücke vom Kopf, hüpft von der Bühne und wünscht den Zuschauern noch einen schönen Abend, während er durch den Zuschuaerraum den Saal verlässt. Etwas Ähnliches kann man im Film nicht erwarten – außer vielleicht bei Monty Python. Aber das ist nicht bloß Spielerei und Kinkerlitzchen, sondern für das Stück hinzugewonnene Tiefe. Identitätsfindung und Verlust werden hier unter neuen Aspekten betrachtet

So ein Hinzugewinn ist meiner Ansicht nach ein Zeichen der Qualität eines Textes, die ein weiterer Vorteil des Theater sind. Texte wir der von Kleist, die es geschafft haben trotz ihres Alters immer wieder Menschen zu begeistern, sie zu bewegen, haben einfach ihre Qualität bewiesen. Sie haben schon gezeigt, dass sie mehr beinhalten, als es auf den ersten Blick scheint. Nicht dass das Kino nicht auch spannende und bewegende Geschichten  zu bieten hat, aber ob diese Geschichten die Tiefe haben ihre Entstehungs-Zeit und -Kultur zu überdauern kann nur die Zukunft wirklich zeigen. Das Theater hingeben bietet viele Texte, die schon eine erstaunliche Tiefe bewiesen haben. Und ein gutes Theater zeichnet sich wie beim Film dadurch aus, dass man sich nur auf das Stück einlassen muss, auf die Handlung nicht auf eine Interpretation.

Ich kann jedem nur empfehlen, sich Amphitryon im Maxim Gorki noch anzusehn, solange es läuft.

Kategorie: Theater

2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 the_peppermint // Jan 24, 2009 at 12:22

    Natürlich hat das Theater den Vorteil, dass es live und direkt um einen herum passiert, aber genau da hat auch der Film seinen Vorteil. Dadurch, dass er nicht live passiert, kann man die Bilder viel mehr gestalten und eine Geschichte ganz anders transportieren Z.B. einfach über den vorherschenden Farbton des Bildes.

  • 2 nico // Apr 10, 2009 at 12:21

    richtig basti. außerdem besteht beim film nicht mehr das eigentliche potenzial in das geschehen einzugreifen. du bist mehr oder weniger dem filmischen spektakel ausgeliefert, während du beim theater die möglichkeit hast (“hättest”) die ganze show zu unterbrechen.

    amphitryon ist aber nicht mein liebster stoff und das gorki hat in der vergangenheit bewiesen sich doch eher popkulturellen möchtegern-theatergängern zu öffnen (sie die [sogar gar nicht mal so schlechten] filmadaptionen der letzten jahre). habs aber nicht gesehen und will daher mein maul nicht zu weit aufreißen.

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